Freitag, 19. November 2010

Lieber Herr Körting

Der Berliner Innensenator hat einen Aufmerksamkeits-Appell an die Öffentlichkeit gerichtet.
"Wenn in der Nachbarschaft plötzlich „drei seltsame Menschen einziehen, die nur arabisch sprechen“, sollte man aufmerksam werden und im Zweifelsfall die Behörden informieren, sagte Körting."
Auszug aus dem Tagesspiegel  (Hervorhebung von mir)

Lieber Herr Körting, in der Tat, ich bin tatsächlich einigen "seltsamen Menschen" begegnet. Ich habe in meinem Taxi drei! Menschen vom Pariser Platz (höchst gefährdet) zum KaDeWe! (da war doch schon was) transportiert. Sie sprachen in einer mir nicht verständlichen Sprache (vielleicht pfälzerisch?).

Und noch eine verdächtige Fahrt: Einen aus der, in Berlin häufig vorkommenden, in Parallelgesellschaft lebenden Politiker der FDP habe ich zu einem konspirativen Treffen in die Reinhardstraße gefahren. Was die wohl wieder aushecken an Anschlägen auf den Geldbeutel der sowieso wenig verdienenden Menschen in unserem Land?* Verdächtig hier auch das Ölfeld auf seinen Haaren.
Auch der Präsident des Bundespolizeipräsidiums, Matthias Seeger, riet zu erhöhter Wachsamkeit.
 "Wenn jemand am Bahnhof oder auf dem Flughafen eine Person beobachte, die sich ungewöhnlich verhalte, sich häufig umblicke und vielleicht einen Rucksack dabei habe, solle er die Polizei informieren."

Auch hier habe ich etwas sehr Verdächtiges zu berichten. Ich habe zwei ausländische Menschen von einem teuren Hotel in Berlin-Mitte zum Flughafen Tegel! gebracht. Beide hatten nur Rucksäcke dabei, obwohl es doch eher üblich ist, in Hotels dieser Preiskategorie mit Rollkoffern zu reisen. Und mehrfach haben sie sich umgeblickt, vor allem als wir die Siegessäule passierten.

Nee, jetzt mal im Ernst, was sollen diese Aussagen? Verdächtige Menschen, die arabisch sprechen, Personen mit Rucksäcken auf Bahnhöfen, die sich umblicken? 
War denn einer dieser Herren schon mal auf einem Bahnhof? Was soll man denn da anderes tun, als sich "umblicken"? Ist dies in Verbindung mit einem Rucksack schon ein Indiz? Und wenn ja für was? Schlechte Beschilderungen?

Ich will gar nicht wissen, wieviel Menschen, speziell aus arabischen Ländern jetzt in Berlin einem Spießrutenlauf ausgesetzt sind. Das ist einfach nur der pure Rassismus, den Sie hier schüren.
Ich möchte ja gar nicht ausschließen, dass in Deutschland momentan ein besonders hohes Bedrohungspotential besteht, aber solche Äusserungen sind doch einfach nur dämlich - und gefährlich.

Na ja, immerhin dem Körting tut es wohl leid, was er da so vom Stapel gelassen hat.

*hier stand ursprünglich mal die Formulierung "Attentaten auf unsere Freiheit"
Nach Hinweis in den Kommentaren habe ich diese "Freiheit" in "Geldbeutel" geändert.

Kommentare:

  1. Ich glaube, Du bringst hier zwei Dinge durcheinander. Die in Parallelgesellschaft lebenden FDP-Politker sind normalerweise dabei, den Graben zwischen FDP-Wählern und Präkariat immer weiter und tiefer auszuheben. Durch Erosion der Freiheits- und Bürgerrechte fallen sie meist weniger auf, im Gegenteil, sie lehnen sich zum Teil sehr wirksam dagegen auf.

    Die Abschaffung der FDGO und Einführung eines Polizeistaats zum Wohle aller, die nichts zu verbergen haben, betreiben eigentlich eher die Unionspolitiker.

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  2. @Buntklicker
    Okay, mir ist da leider kein anderes Substantiv eingefallen. Und wenn unsere Freiheit deren Geldbeutel im Wege stünde?

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  3. @Buntklicker
    Ich habe die Formulierung geändert.
    Und in erster Linie geht es um die Äusserung eines SPD Polikers.

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  4. Das sollte man wirklich als Gelegenheit nutzen, um Rucksäcke zu verbieten. Die Rucksackträger mit ihren unkoordinierten Drehbewegungen sind schon lange eine Gefahr für Gesundheit und Sicherheit.

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  5. Ich persönlich würde jetzt nun lieber die Koffer verbieten und stattdessen die Rucksäcke zulassen, denn in diesen kann man die Umrisse einer Bombe viel deutlicher erkennen als in einem Koffer. Vor allem die Flügel könnte man deutlich sehen! Noch viel, viel besser wäre ein Verbot beider Behältnisse und ausschließliche Zulassung von bunten Stoffbeuteln. Wenn man diese abstellt, fallen nämlich die Seiten herunter und die Bombe stünde "nackig" da. Verantwortlich für die Einführung einer verbindlichen Behältnisvorschrift müßte am besten einer aus dem Osten sein, denn wir hier kennen uns bestens aus mit bunten Stoffbeuteln. Nicht umsonst bezeichnete man uns einst als "Beutelgermanen ".

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  6. @Bernd
    "Beutelgermanen" Man lernt nie aus. :-D

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  7. Ist es nicht auch Stammtischrassismus oder Engstirnigkeit im Subtext allen FDP Politikern vorzuwerfen, sie hätten zu viel Gel in den Haaren?
    Ich kannte mal einen SPD Politiker, der hat sich sogar die Haare gefärbt!

    Aber zum eigentlichen Thema.
    Sicherlich sind das alle bescheuerte Aussagen und führen sicherlich dazu, den 'seltsam aussehenden Menschen' das Leben sehr unangenehm zu gestalten.
    Andererseits muss man auch die andere Seite sehen (und das ist jetzt rein objektiv, ich bin auch in keinster Weise Fürsprecher solcher Generalverdachtsthesen).
    Was ist, wenn jetzt wirklich durch Hinweise aus der Bevölkerung ein Anschlag verhindert wird?
    Wenn bei 20 Fehlanschuldigungen ein Treffer dabei ist, ist das vielleicht besser als Menschenleben zu gefährden?
    Als jemand, der aus einem Land kommt, in dem sich diese Parasiten eingenistet haben, kommt man nicht umhin mit soetwas konfrontiert zu werden, auch wenn man selbst überhaupt nicht damit übereinstimmt.
    Als deutscher muss man sich auch oft genug noch Hitlervergleiche gefallen lassen, auch wenn das natürlich nicht halb so schlimm ist, wie unter Terorrismusverdacht zu stehen.

    Dass die westlichen Länder sich den Terrorismus eingebrockt haben, möchte ich hier mal außen vorlassen, denn das führt zu weit und in der Situation sind wir jetzt nunmal.

    Ich persönlich habe übrigens überhaupt keine Angst vor Anschlägen.
    Wenn es passiert, passiert es.
    Und wenn ich unsere BPOL am Flughafen sehe, habe ich eigentlich mehr Angst, dass sich da mal ausversehen ein Schuss aus den Maschinenegewehren löst, weil man gerade beim rumhängen seine Arme darauf abstüztz.

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  8. Der Tagesspiegel hat Körting übrigens falsch zitiert, auch wenn es das eine Wort nicht unbedingt besser macht.

    Der letzte Buchstabe in meinem vorherigen Kommentar war übrigens noch in meinem Buchstabenetat von gestern und musste deshalb heute vor Ende des MHDs verwandt werden.

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  9. @Nick
    Den Stammtischrassismus nenne ich lieber satirische Übersteigerung. Ich weiß, ich bin darin nicht besonders gut.
    Wogegen ich mich in den zitierten Panikmachversuchen wehre, ist dieser diffuse Generalverdacht, unter den ganze Bevölkerungsgruppen gestellt werden. Die Geschichte Deutschlands hat schon gezeigt, wohin so etwas führen kann.
    Der Körting hat wenigstens etwas zurückgerudert.

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  10. @Klaus
    Doch, im Grunde bist du darin schon gut, aber manchmal ist der Beigeschmack etwas fad, aber das ist ja zum Glück subjektiv.

    Ansonsten stimme ich dir zu, aber man muss eben auch die Seite der Politiker sehen, die jetzt unglaublich unter Druck stehen.
    Denn wenn etwas passiert, dann werden die Rufe in der Bevölkerung laut, dass man doch alle einsperren sollte, die einen zu langen Bart oder ein zu 'seltsames Aussehen' haben.
    Und warum man das nicht schon längst getan hat, denn 'dann wäre das ja alles nicht passiert'.
    Alles nicht so einfach...

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  11. @Nick
    Ich weiß ja was du meinst. Wenn sie zuviel machen, gibt es Typen wie mich, die ablästern. Machen sie zuwenig und es passiert was, kommt des Volkes Stimme...
    Ich halte es mit einem Fahrgast vom Samstag:
    "Das schlimmste, das Politiker jetzt tun können, ist das die Bevölkerung zu spalten."
    Und genau deshalb habe ich diesen Post geschrieben.

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